Comicsalon Erlangen 2018

Text: Ulli Lust

Wir waren gewarnt: Die Stände würden kleiner ausfallen, weil der übliche Veranstaltungsort, die Kongresshalle, dieses Jahr renoviert wird, und das Festival in Zelte ausweichen muß. Man orientierte sich am Comicfestival in Angouleme und platzierte große weisse Zelte im historischen Zentrum der Stadt. Das Zelt des jungen Forums fand sich gar im idylischen Schlossgarten wieder. Im Gegensatz zu den anderen Zelten war der Eintritt frei, deshalb flanierte hier eine bunte Mischung aus Festivalbesuchern, Parkspaziergängern und bizarr maskierten Cosplayern neugierig von Hochschulstand zu Hochschulstand.

Unübersehbar unser Stand
Leporello von Philine Dorenbusch

Die Schlange vor dem Kassenhaus am Hauptzelt ist lang.
Podiumsgespräch in der Orangerie neben dem Schlosspark: „Comic-Journalismus: Zwischen Kunst und Information“ mit Nathalie Frank (ARTE), Thomas Greven (FU Berlin), Olivier Kugler (Comic-Zeichner), Christoph Schuler (Strapazin) und Lars von Törne (Journalist);
Zeichnung: Alicja Boss

 

Ausstellung Marc Antoine Mathieu

An den Comicständen wird noch ganz altmodisch Papier gehandelt.
Katharina Greve signiert die Buchausgabe preisgekröntes Web-Comic „Das Hochhaus“ am Stand des avant-verlags.
Nicolas Mahler  veröffentlicht stoisch ein Buch nach dem nächsten, er signiert nicht mehr einzelne Werke sondern ganze Stapel.
Die Ausstellung „Zeichen der Zeit – Comicreporter unterwegs“. Sie ist noch bis zum 26. August im Stadtmuseum Erlangen zu sehen.
Historische gezeichnete Reportagen
„Inside Death Row“ ist einer der erstaunlichsten Webcomics der letzten Jahre, zu finden auf dem Portal der New York Times, und nun im Stadtmuseum. Der Schweizer Journalist Patrick Chapatte führte Interviews mit zum Tode verurteilten Gefangenen in den USA und zeichnete die  Portraits als Comic. Neben der Intensität der Erzählungen begeisterte mich die Entdeckung, dass dieser Webcomic auf dem grossen Bildschirm und auf dem kleinen Handy gleichermassen angenehm zu lesen ist. Die Anwendung ist wohl durchdacht und scheint mir zukunftsträchtig.
Die jüngste Ausgabe des Schweizer Magazin Strapazin widmet sich Comicreportagen. Wer genaueres darüber wissen möchte und das Heft gerade nicht zur Hand hat, der kann die kürzlich erschienen Besprechung von Andreas Platthaus in der FAZ lesen >>>
Die Arbeiten von Joe Sacco, Sarah Glidden, Olivier Kugler und Guy Delisle habe ich leider nicht fotographiert. Hier im Hintergrund ein Druck aus „Der Riss“ (Text: Guillermo Abril, Zeichnung: Carlos Spottorno) und im Vordergrund Originale der russischen Zeichnerin Viktoria Lomasko.
Artikel über Viktoria Lomasko im Guardian
Wieder einmal sind Viktorias und meine Arbeiten nebeneinander ausgestellt, und tatsächlich fühlen wir uns verwandt.
Klaus Cornfield beherrscht das coole Posieren, ich muss noch üben.
Freitag abends schwitzen wir in der Max & Moritz Gala im Stadttheater. Hella von Sinnen moderiert mit Christian Gasser
Gegen Ende durfte ich selber auf die Bühne und den Preis für den Besten deutschen Comic (für „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“, Suhrkamp Verlag, 2017) entgegennehmen. Dieses Foto ist kurz danach entstanden, als bereits der Preis für den Besten Deutschen Zeichner (an Reinhard Kleist) ausgerufen wurde. Auf der Bühne bekamen wir von einem hübschen Assistenten (früher war es eine Assistentin, die Organisatoren haben dazugelernt) ein Glas Wein serviert. Das konnte ich gut gebrauchen.
Samstag: Ausstellungseröffnung „For City Boys and Girls – Aktuelle Comics aus Shenzen“ Bild: Peter Chen

Jan Skrzypek, Mel Wilken, ein Unbekannter, Kristin Albrecht, Philine Dorenbusch, Julia Thomas

Kommentare der Studierenden:

„Ich fand es sehr inspirierend, die Arbeiten der anderen Hochschulen zu sehen und mich mit den Studenten auszutauschen. Man inspiriert sich gegenseitig durch die gesunde Konkurrenz.“ (Mel Wilken)

„Der Comicsalon war die Gelegenheit, den eigenen Tatendrang zu wecken. Angetrieben von all den Arbeiten, will man jetzt mehr – möchte man Neues ausprobieren und umsetzen. Nicht zuletzt aber: erst kommt man mit den Studierenden der anderen Hochschulen ins Gespräch und kurz darauf zieht man um die Häuser. Einziger Wermutstropfen: Das klimatisierte Zelt und die pralle Sonne waren ein fieser Erkältungsherd.“ (Marcel Rose)

Der Comicsalon vereint seinen Festival Charakter mit einer offenen und vertrauten Atmosphäre, die man sonst nur von der Hochschule kennt oder eben von dort, wo kreative Menschen aufeinander treffen.
Und es ist vollkommen gleichgültig, dass die Manga-Zeichnerin ihre Werke neben einem Abiturienten im Friedrich dem Großen Kostüm ausstellt. Es vereint alle die Leidenschaft fürs Zeichnen.
Ausnahmsweise kommt man sich mit dem Skizzenbuch in der Hand nicht wie ein Freak oder Poser vor.“ (Alicja Boss)

Das Festival hatte den Studenten als Schlafplatz eine Turnhalle organisiert. In der Halle schliefen 120 Studenten 4 Nächte lang auf Isomatten. Niemand klagte darüber, weder während der Festivaltage, noch nach der Rückkehr. Das werte ich als einen echten Beweis für ein gelungene Veranstaltung.

Zeichnung: Alicja Boss